Mythos Grünzug

Nun ist es entschieden – zumindest nach Wunschfantasie der Verwaltung:

Der Betriebshof (und zwar die Maximalversion) wird gebaut, mitten in den Grünzug, alternativlos und ohne Plan B. [siehe Ma Mo vom 21.9.18]. Doch nach Aussagen mancher Stadträte könnte man glauben, das wäre ja gar nicht so schlimm, denn der Grünzug Nordost sei eh nur ein Mythos: die Erfrischung durch kühle Winde aus dem Odenwald ein Ammenmärchen, der Paradeplatz auf ewig zum Ort ohne Windhauch, mitten in der heißesten Mannheimer Wärmeinsel – den Quadraten – verdammt.

Wir, Mitglieder der Bürger Initiative „Lebenswertes Feudenheim“ und an dieser Stelle möchte man die BI eigentlich umbenennen in BI „Lebenswertes Mannheim“, denn es ist ein Gesamt-Mannheimer Thema um das es hier geht … ), wir würden gerne aufräumen mit den Mythen, den Märchen, den Gerüchten….. Und wir möchten inhaltlich überzeugen, bevor mit Beton und Stahl die nächste Mannheimer Realität geschaffen wird. Doch lange Zeit bleibt uns dafür nicht mehr, denn Bebauungspläne und Anträge für Änderung des Flächennutzungsplans liegen in den Schubladen und warten nur darauf von der GBG und anderen Investoren in Zement gegossen zu werden…….. Deshalb schnell zum Thema:

Gerücht 1: „Der Wind in Mannheim kommt aus ganz anderen Richtungen als aus Nordost“

  • Luftbewegungen in wärmeinsel-belasteten Städten entstehen von ganz alleine in Kaltluftschneisen aufgrund des hohen Temperaturunterschiedes zwischen Wärmeinsel (enge Stadtbebauung) und Kaltluftproduktionsflächen (Äcker, Wiesen, Grünflächen). Man nennt diese „Flurwinde“. Abhängig sind sie von der Breite der Kühlluftschneise und der Fläche die „groß genug“ sein muss, um Kaltluft herzustellen. Steht in jedem Stadtklimalehrbuch. Neuerdings gibt es deutliche Hinweise dafür, dass Japans Großstädte wegen Hitzezunahme durch Klimawandel noch in unserer Generation un-bewohnbar werden – tja, Kalt- und Frischluftschneisen können manchmal entscheidend sein …. sagen jetzt jedenfalls die Japaner.

Gerücht 2: „Der Grünzug Nordost ist ein Mythos und keine Frischluftschneise“

  • Enge ich eine vorhandene natürliche Luftschneise von außen ein, besonders mit Hochhäusern die klimatologisch als sehr „rauh“ gelten, wird die erzielbare Wirkung immer kleiner und kleiner. So geschehen in den Planungen auf Spinelli. Aus theoretisch möglichen 865m Breite wird 400m, bei vollständigem Erhalt der U-Halle sogar z.T. nur noch 370m. Man muss nur erschütternd dreist genug sein, um allen Empfehlungen von Bund, Ländern, eigens angefertigten Klimagutachten und dem Positionspapier des Städtetages 2012 zum Ausbau von städtischen Frischluftbahnen mit einer hochgradigen Einengung zu begegnen – schon entsteht ein funktionsloser Mythos.

Gerücht 3: „Eine funktionsfähige Stadtregierung begegnet dem Klimawandel durch innovative Freiraumkonzepte wie „Mannheim 2030″ und Dachbegrünungsmaßnahmen“

  • Seit 1974 (vermutlich auch noch länger) liegen seitenweise Stadtentwicklungskonzepte (Grünordnungsplan, MRO, Freiraumsicherungskonzept 1993 u.a.) der Stadt Mannheim vor, mit ausgedehnten Klimauntersuchungen, Karten und Plänen, die einhellig, mantra-artig die herausragende Bedeutung von optimal breiten Grünzügen (namentlich immer wieder auch des Grünzuges Nordost) herausstellen – dies alles mit Messungen, Berechnungen, Erklärungen und auch Erfahrungen aus anderen Klimazonen belegt. Studie um Studie, Gutachten um Gutachten (übrigens einige davon von der aktuellen! Stadtregierung selbst in Auftrag gegeben) kommt also seit mehr als 40 Jahren übereinstimmend zu dem Ergebnis: Kaltluftschneisen in wärmebelasteten Regionen (und dazu gehört Mannheim nun mal in Spitzenreiterposition) sind das effektivste, vor allem aber das unkomplizierteste und preiswerteste Instrument ein wenig Kühlung für die gesamte Stadtbevölkerung zu schaffen. Die zum Thema „Freiraumkonzept Mannheim 2030“ beauftragte Berliner Firma wird vermutlich zum gleichen Schluss kommen – doch nicht ohne davor zigtausende Euro (aus Steuergeldern) in Rechnung zu stellen. Zu glauben, dass das Rad neu erfunden werden muss, hat eben seinen Preis.
  • Nebenbei gesagt wirkt Dachbegrünung nur mikroklimatisch und auch dann nur, wenn ordentlich bewässert wird und nicht alles verdorrt, sonst ist die Wirkung tatsächlich entgegengesetzt. Aber Gießen ist seit Sommer ’18 ja des Mannheimers Lieblingsbeschäftigung, warum also nicht auch noch auf dem Dach und an der Fassade?

Gerücht 4: „Spinelli ist alternativlos der beste Standort für einen zentralen Betriebshof“

  • Der zentrale Betriebshof für das Grünflächenamt wird über einen Fuhrpark von mehr als 100 Fahrzeugen verfügen. Diese produzieren – auch als E-Fahrzeuge – Feinstaub.
  • Der zentrale Betriebshof für das Grünflächenamt wird als Schüttgut-Umladestelle hohe Berge diverser Schüttgüter, wie Sand, Kies, Mulch etc. beherbergen. Schüttgutumschlag ist deutschlandweit ein erheblicher Feinstaubemittent.
  • Der zentrale Betriebshof für das Grünflächenamt wird darüber hinaus Werkstätten für die Metallverarbeitung, Holzverarbeitung und beheizbare Fahrzeugunterstellplätze beherbergen. Auch hierbei entsteht – neben der augenscheinlichen Lärm- und Hitzeentwicklung – Feinstaub.
  • Alles in allem eindeutige Beweise dafür, dass es sich um einen echten Gewerbebetrieb großen Ausmaßes (2.8 ha) mit erheblicher Feinstaubemission mitten in einer innerstädtischen Kalt- und Frischluftschneise, angrenzend an reine Wohngebiete handelt, – da bekommt das Attribut BESTE i.S. von „bester“ Standort fast zynischen Charakter!
  • Nicht nur transportiert die Luftleitbahn die nun wieder angewärmten und mit Feinstaub angereicherten Flurwinde in zahlreiche Mannheimer Stadtteile, die gesundheitliche Krönung des Ganzen kommt noch aus einer anderen Richtung nämlich ……:

Gerücht 5: „Die BI Lebenswertes Feudenheim übertreibt maßlos bei Ambrosiawarnungen“

  • Ambrosia ist eine in Deutschland nicht heimische, aber mit ungeheurer Geschwindigkeit sich ausbreitende Pflanzenart. Mannheim und Umgebung zählt zusammen mit dem Karlsruher Raum in Baden-Württemberg jetzt schon zu den am stärksten belasteten Regionen.
  • In Ländern wie USA, Ungarn, Frankreich u.v.m. wird man der Ausbreitung dieser Pflanze nicht mehr Herr, weshalb fast alle europäischen Staaten in warmen Klimazonen Notfallprogramme zur Ambrosia-Bekämpfung auffahren.
  • Das Robert-Koch-Institut geht von einer massiven Zunahme dieses Gewächses in Deutschland aufgrund des Klimawandels aus und warnt deutlichst vor den gesundheitlichen Risiken.
  • Die Pollen der Blüte zählen zu den potentesten Allergenen, die es gibt. Wenige der bis zu 40Jahre lang keimfähigen Pollen reichen aus, um allergische Beschwerden auszulösen. Die Risiken und daraus entstehende Kosten sind immens, wie man aus der Erfahrung in USA oder Ungarn sieht.
  • Ambrosia wird in Mannheim von den Mitarbeitern des Grünamtes bekämpft. Fahrzeuge, Arbeitskleidung, vor allem aber Grünabfälle und Werkzeuge sind während der Blütezeit mit den Pollen kontaminiert.
  • ….. ist es wirklich zu weit hergeholt, vor den Auswirkungen eines zentralen Betriebshofes des Fachbereichs Grünflächen innerhalb einer innerstädtischen Luftleitbahn zu warnen?

Kein Gerücht:

  • Ja, auch wir finden die Arbeitsbedingungen an den bisherigen Betriebshofstandorten skandalös und wünschen den Mitarbeitern baldmöglichst bessere Umstände
  • Ja, auch wir wollen bezahlbaren Wohnraum.

Aber nein: Nicht in einer „lokalen Luftleitbahn mit sehr hoher klimatisch-lufthygienischer Ausgleichsfunktion“ (Klimafunktions- und Bewertungskarte zum Flächennutzungsplan Mannheim/Heidelberg), die über so viel Potential für eine der wärmebelastetsten Städte Deutschlands verfügt. Dies ist kein Partikularinteresse von Feudenheimern, dies ist auch kein Wutbürger-meckern nach dem Sankt-Florian-Prinzip, dies ist ein diskussionswürdiger Beitrag zu einem gesamtstädtischen Thema von erheblicher Auswirkung, welches wir publik machen wollen, bevor Bagger und Stahlbeton Fakten schaffen.

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