Der geplante zentrale Betriebshof des Grünflächenamtes in Feudenheim/Käfertal

Der geplante zentrale Betriebshof des Grünflächenamtes in Feudenheim/Käfertal – potenzielle Auswirkungen auf die Gesundheit der Mannheimer Bevölkerung

Alljährlich im Spätsommer bittet die Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz Baden-Württemberg (LUBW) die Bevölkerung über Pressemitteilungen um Meldungen von Beständen des beifußblättrigen Traubenkrauts (Beifuß-Ambrosie, Ambrosia artemisiifolia). Die Hauptblütezeit der im Englischen „Ragweed“ genannten Pflanze hat nun begonnen und reicht bis in den späten Herbst. Zu der aus der Pflanzenfamilie der Korbblütler stammenden Pflanzengattung Ambrosia gehören über 40 verschiedene Arten; Ambrosia artemisiifolia gilt jedoch als besonders allergieauslösend.

Der amerikanische Arzt Dr. Morrill Wyman hat 1875 erstmals den durch sie verursachten “Herbst-Katarrh” beschrieben. Seither gilt die Beifuß-Ambrosie auf dem nordamerikanischen Kontinent als zweithäufigste Auslöser der allergischen Rhinitis („Heuschnupfen“) und aggressivste Ursache des allergischen Asthmas. In einer europäischen Studie an über 3000 Patienten, die sich mit Atemnot beim Arzt vorstellten, waren mehr als 66% gegen Ambrosia-Allergene sensibilisiert.

Die ursprünglich aus den USA eingeschleppte Pflanze findet durch den Klimawandel auch in Süddeutschland immer günstigere Bedingungen vor und besiedelt neben der Oberrhein-Ebene vor allem die Region zwischen Karlsruhe und Mannheim. In Brandenburg hat die Ambrosie bereits seit über 40 Jahren landwirtschaftliche Flächen  und Neubausiedlungen vor allem in der Niederlausitz „erobert“ – mit für die dort lebenden Anwohner erheblichen Gesundheitsrisiken. Am LUBW wurde eine eigene Ambrosia-Landesmeldestelle eingerichtet, da die Pflanze nicht nur als Konkurrenzpflanze auf landwirtschaftlich genutzten Flächen hohe Ertragsverluste bewirken kann, sondern laut Berichten aus USA, Ungarn, Südfrankreich und Italien ein erhebliches Gesundheitsrisiko darstellt. Jede einzelne dieser einjährigen Pflanzen produziert rund 60.000 bis zu 40 Jahre lang keimfähige Samenkörner.

Allergologen beobachten eine ständige Zunahme von Ambrosien-Allergiker; dabei gelten blühende Bestände im Siedlungsbereich als besonders problematisch. Die Pflanze wird vom Wind bestäubt, der die aggressiven Pollen Hunderte von Kilometern weit transportiert, wobei die winzigen Pollen bis tief in die Bronchien gelangen. Besonders ärgerlich für Allergiker ist, dass die aggressive Ambrosie ihre Hauptblütezeit später im Jahr hat und so den Beschwerdezeitraum für Allergiker um bis zu zwei Monate verlängert.

Eine Ambrosia-Allergie äußert sich durch vielerlei Gesundheitsbeschwerden: Es beginnt meist als Heuschnupfen mit Bindehautentzündung und Kopfschmerzen. Bei jedem zweiten Ambrosien-Heuschnupfer kommt es durch eine Kreuzallergie noch während des Essens von Sellerie, verschiedenen Gewürzen oder Karotten zu Jucken, Kribbeln, Brennen und Schwellung um und im Mund, („Orales Allergie-Syndrom“, „pollenassoziierte Nahrungsmittel-Allergie“), seltener auch Husten und Atembeschwerden nach ca. 15 – 30 Minuten. Mit der Zeit entwickelt sich ein anfangs saisonales (September/Oktober), im Verlauf ganzjähriges allergisches Asthma. Der direkte Hautkontakt kann zu einem Ausschlag („Kontaktekzem“) führen. Bei fast der Hälfte aller Pollenallergiker löst Ambrosia akute Beschwerden aus. Der in Australien verbreitete Name „Asthma-Pflanze“ weist auf die durch sie ausgelösten, teils lebensbedrohlichen Asthma-Anfälle hin.

Auch Menschen ohne bekannte Pollen-Allergie können eine Allergie auf Ambrosien entwickeln – empfindliche Individuen können schon durch wenige Ambrosien-Pollen, von denen eine einzelne Pflanze Millionen produziert, akute Beschwerden erleiden. Während noch vor 10 Jahren nur jeder Zwanzigste in Deutschland allergisch auf Beifuss-Ambrosie reagierte, ist es mittlerweile jeder Achte. Dabei dauert es nach neueren Untersuchungen rund 10 bis 15 Jahre, bis Menschen nach Ambrosien-Kontakt gesundheitliche Beschwerden entwickeln.

Ambrosia artemisiifolia ist aufgrund der stark allergenen Pollen eine medizinisch relevante Pflanze, die laut DAISIE (Delivering Alien Invasive Species In Europe) zu den 100 „schlimmsten“ invasiven Arten zählt. Alleine in Ungarn belaufen sich die durch Ambrosia-Allergien verursachten Gesundheitskosten auf rund 140 Mio. Euro jährlich. In Deutschland wird zur Behandlung von Ambrosia-Allergikern mit künftigen Mehrkosten zwischen 193 Mio. und 1,19 Mrd. Euro pro Jahr gerechnet.

Untersuchungen des Frankfurter Biodiversität- und Klima Forschungszentrums (BiK-F) und der Goethe-Universität zeigen, dass die Verbreitung rasant voran geht und zukünftig immer größere Gebiete umfassen wird. In Ungarn sind 15 Jahre nach der Ambrosia-Etablierung in stark von Ambrosia besiedelten Gebieten rund 70 Prozent der Allergiker auch gegenüber der Ambrosia sensibilisiert. Diese alarmierenden Zahlen sind Grund genug, eine weitere Ausbreitung der Ambrosie einzudämmen.

Zudem bilden laut Untersuchungen des Helmholtz-Zentrums München Ambrosien unter Feinstaub-  und Stickoxid-Belastung für Allergiker besonders aggressive Pollen. Somit schädigt die Luftverschmutzung nicht nur unsere Atemwege und schwächt unser Immunsystem, sondern verstärkt zusätzlich die negativen Effekte der Ambrosien-Pollen.

Im Rahmen der Vorgaben des Landes Baden Württemberg ist das Mannheimer Grünflächenamt auch für die Bekämpfung der Ambrosie im Stadtgebiet zuständig. Täglich werden deshalb während der Wuchssaison die Gerätschaften, Ladefahrzeuge und Arbeitskleidung der Mitarbeiter mit Pflanzenteilen, somit auch Pollen kontaminiert. Das weitere Umladen und Säubern auf dem Gelände des Betriebshofes führt dort zu einem hochkontaminierten Milieu. Es ist abzusehen, dass ein in der Mannheimer Frischluftschneise angesiedelter zentraler Betriebshof des Grünflächenamtes verstärkt durch die Fahrzeugabgase der Nutzfahrzeuge gießkannenartig aggressive Ambrosien-Pollen über die Mannheimer Metropolregion ausbreiten wird. Die hierdurch für die Zukunft abzusehenden gesundheitlichen Schädigungen sind nicht zu verantworten – es würde den Kindern, aber auch allen Erwachsenen hiermit eine gesundheitsbedrohende Zeitbombe mitten in den Mannheimer Raum gelegt. Auch wenn die Ambrosien-Allergie derzeit in Mannheim noch kein massives medizinisches Problem darstellt, wäre eine politische Nutzungs-Planung des Spinelli-Geländes ohne Berücksichtigung dieser bevölkerungsmedizinischen Gesichtspunkte fatal. Das Vermeiden einer weiteren Ausbreitung der Pflanze ist aus medizinischer Sicht wichtig und notwendig.

 

Literatur beim Verfasser

Prof. Dr. med. M.A. Rose, M.P.H.
Kinderlungenarzt, Allergologe & Bevölkerungsmediziner
Klinikum Stuttgart / Olgaspital
Kriegsbergstr. 62, D-70174 Stuttgart

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